Schnelles Denken, langsames Denken: Entdecke deine Schubladen

Schnelles Denken, langsames Denken

Was passiert im Gehirn, wenn du Entscheidungen triffst? Kognitionspsychologisch gesehen eine ganze Menge. Aber denkst du konzentriert darüber nach, ob du dich nach dem Aufstehen wäschst, Zähne putzt und dich anziehst? Wahrscheinlich nicht, denn es würde den Tag über unheimlich viel Energie kosten, wenn wir diese Entscheidungen ständig bewusst treffen würden. Deswegen gibt es im Gehirn gleich zwei Systeme, die Daniel Kahneman in seinem Bestsellerbuch „Schnelles Denken, langsames Denken“ näher beschreibt:

  • System 1, das das schnelle, willkürliche, automatische und mühelose Denken bearbeitet (zum Beispiel Zähne putzen)
  • System 2, das die Aufmerksamkeit auf die anstrengenden mentalen Aktivitäten lenkt und komplexere Berechnungen macht. Das geht oftmals mit Konzentration, Entscheidungsfreiheit und Handlungsmacht einher.

Wenn wir an uns selbst denken, identifizieren wir uns eher mit System 2, dem bewussten und logisch denkenden Selbst. System 2 glaubt, im Mittelpunkt unseres Denkens zu stehen. Doch ist es System 1, in dem die spontanen Eindrücke und Gefühle entstehen, das unser Verhalten steuert. Dazu greift es auf komplexe Muster von Vorstellungen zurück.

Wir sind also nicht so rational, wie wir gerne glauben.

Viele Menschen würden ihren Intuitionen allzu sehr vertrauen, sagt Autor und Wirtschaftsnobelpreisträger Kahneman. Doch genau dieses Vertrauen in die Intuition hat in vielen Bereichen des Lebens immense Auswirkungen und zieht Verzerrungseffekte nach sich. Kognitionspsychologe Kahneman beschreibt das Ineinandergreifen der beiden Systeme sinngemäß so:

System 1 läuft automatisch und System 2 ist im Modus geringer Anstrengung, bei dem es nur einen Teil der Kapazität in Anspruch nimmt. System 1 macht kontinuierlich Vorschläge für System 2, durch Eindrücke, Intuitionen, Absichten und Gefühle. Werden diese Eindrücke und Intuitionen von System 2 unterstützt, werden sie zu Überzeugungen, welche als Impuls zu willentlich gesteuerten Handlungen werden. System 2 modifiziert die Vorschläge von System 1 also nicht und du vertraust einfach auf seine Eindrücke und Impulse. System 2 wird dann aktiv, wenn System 1 keine Antwort auf eine Frage findet. Diese Arbeitsweise ist äußerst effizient, weil es den Aufwand minimiert und die Gehirnleistung optimiert. Es wäre schlichtweg überfordernd, über jeden Reiz aus der Umwelt nachdenken zu müssen.

Ein Beispiel, wann dein System 2 aktiv wird ist diese Aufgabe aus Kahnemans „Schnelles Denken, langsames Denken“.

Lies einfach den Text und beantworte die Frage.
Eine Person wurde von einem Nachbarn wie folgt beschrieben:
„Steve ist sehr scheu und verschlossen, immer hilfsbereit, aber kaum an anderen oder an der Wirklichkeit interessiert. Als sanftmütiger und ordentlicher Mensch hat er ein Bedürfnis nach Ordnung und Struktur und eine Passion für Details.“
Ist Steve eher Bibliothekar oder Landwirt?

Wofür hast du dich entschieden?

Denkst du dass Steve eher Bibliothekar ist? Woran machst du diese Entscheidung fest? Kann nicht auch ein Landwirt verschlossen, hilfsbereit, sanftmütig und ein Bedürfnis nach Ordnung haben? Eigentlich schon, aber vermutlich ist in dir aufgrund der gegebenen (im Prinzip wenig aussagenden) Informationen ein Bild im Kopf entstanden. Weil dir stichhalte Informationen fehlen, füllst du diese Lücke mit Informationen, die im Kopf bereits vorhanden sind, aber nicht unbedingt stimmen müssen. Zum Beispiel, weil es der Stereotyp eines Bibliothekars ist, eher verschlossen und nicht an der Wirklichkeit interessiert zu sein. Genau solche Prozesse sind es, die zu Vorurteilen führen. Diese Vorurteile sind für dich eher indirekt und unsichtbar, aber für all jene, die davon betroffen sind, sehr offensichtlich.

Du kannst das obige Beispiel aus "Schnelles Denken, langsames Denken" sicherlich in vielen Bereichen des Lebens wiederfinden – zum Beispiel in einer Bewerbungssituation.

Denn immer dann, wenn uns Informationen fehlen, schließt System 2 die Lücke mit den Assoziationen, die schon da sind. Und wenn du zum Beispiel, wie im beliebten Kinderbuch Pippi Langstrumpf, immer wieder gesehen hast, wie dort Ureinwohner beschrieben werden – nämlich ziemlich rassistisch als Wilde, die eigentlich eher wie Tiere angesehen werden, knüpft dein Gehirn diese Assoziation und speichert sie ab. Entsteht, wie im Beispiel mit dem Landwirt und dem Bibliothekar, eine Lücke in der Verarbeitung eines Impulses in System 2, könntest du den Eindruck mit dieser Assoziation füllen.

Weitere Beispiele: Dunkelhaarige Männer mit Vollbart, die gerade arabisch sprechen werden mit fanatischen Islamisten assoziiert, weil wir in den Medien vor allem diese Bilder vermehrt sehen. Oder diese falsche Annahme: Eine Frau, die Highheels und eine kurze Shorts trägt, ist leicht zu haben. Bewegst du dich also in einer gedanklichen Umgebung, die nicht vorhersagbar ist, empfiehlt Kahneman: Nochmal nachdenken. Bauchgefühl ist in vielen Situationen gut und richtig, aber in vielen nicht.

Auch ich empfehle dir: hinterfrage und reflektiere die Schubladen, die dein Gehirn dir anbietet.

Du kannst dazulernen. Diese Schubladen und unbewussten Vorurteile sind in allen Menschen, ob wir das wollen oder nicht. Es ist sogar in vielen Studien ist bewiesen worden, dass wir mehr Empathie für diejenigen haben, die am ehesten sind, wie wir selbst (dazu mein Literaturtipp: Shakil Choudhoury: Deep Diversity, Unrast Verlag). Zu einer Gruppe zugehörig zu sein, ist der Schlüsselantrieb menschlichen Verhaltens und hat uns, als wir noch in Höhlen lebten, auch das Leben gerettet. Heute haben wir diese urzeitlichen Denkmuster noch in uns, sie sind aber in einer globalisierten Welt und international zusammenarbeitenden Teams nicht immer hilfreich. Wir sind keine rational handelnden Wesen, sondern von unseren Emotionen – bewusst oder unbewusst geleitet.

Daher müssen wir das, was wir fühlen, mit dem abgleichen, was wir denken und gebenenfalls umprogrammieren.

Kahneman formuliert am Ende des Buches sogar demütig: Bis auf einige Effekte, die ich überwiegend auf mein Alter zurückführe, ist mein intuitives Denken heute noch genauso anfällig für Selbstüberschätzung, extreme Vorhersagen und den Planungsfehlschluss wie vor meinen Studien über diese Themen.

Und auch ich gestehe hiermit: Ich habe viele Schubladen im Kopf und arbeite daran. Es ist wohl eine Lebensaufgabe, die ich aber gesellschaftlich für dringend nötig halte.

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